Navigating Change
Ein Ausschnitt aus dem Gespräch mit Dr. Yvonne Ventur zum Thema Leadership u. Strategy:
"Menschen machen den Unterschied: Vertrauen, Wertschätzung und Authentizität im Business"
In der 12. Sonderfolge von NavigatingChange, Leadership & Strategy, spreche ich mit Dr. Yvonne Venture über die Themen:
- warum Authentizität und gelebte Werte jedes M&A, jede Transformation und jede Partnerschaft prägen
- weshalb der menschliche Faktor gerade in Krisen und komplexen Deals über den Ausgang entscheidet
- wie Vertrauen, Klarheit und echtes Zuhören nachhaltige Zusammenarbeit ermöglichen
- und warum Investoren, Gründer und Führungskräfte nur dann erfolgreich agieren, wenn sie verstanden werden - als Menschen mit Geschichte, Motivation und Verantwortung.
Dr. Yvonne Ventur: In unserem ersten Austausch wurde schnell klar: Im Business machen nicht Prozesse oder Zahlen den Unterschied - es sind die Menschen. Wir beide haben erlebt, dass man Menschen abholen, ernst nehmen und wertschätzen muss, wenn nachhaltiger Erfolg entstehen soll. Wertschätzung und Authentizität bilden dabei die Basis jeder erfolgreichen Zusammenarbeit - sei es in der Führung von Unternehmen und Teams, der Besetzung von Schlüsselpositionen in Unternehmen, im Umgang mit Investoren oder bei komplexen M&A-Prozessen. In diesem Gespräch teilen wir unsere Erfahrungen, Perspektiven und Einsichten darüber, wie menschliche Faktoren, Verantwortung und Vertrauen im Business den Unterschied machen und warum diese Elemente oft wichtiger sind als jede Strategie oder Kennzahl.
Dr. Yvonne Ventur: Frau Schaller, wie würden Sie Ihre Rolle definieren?
Andrea Schaller: Für mich ist meine Rolle nicht nur die einer Beraterin oder Vermittlerin im klassischen Sinne. Ich sehe mich vielmehr als Brückenbauerin zwischen Menschen, Zielen und Möglichkeiten. Im Kern geht es darum, Menschen zu verstehen. Ihre Motivation, ihre Unternehmensgeschichte, ihre Ambitionen und diese mit den passenden Partnern, Investoren oder Nachfolgern zusammenzubringen. Wenn ich von »Matchmaking« spreche, dann meine ich nicht einfach das Finden eines Käufers oder Investors. Ich meine das Finden einer Situation, in der die Chemie stimmt, in der Werte, Haltung und Zielrichtung übereinstimmen, damit aus einem Deal keine Transaktion wird, sondern eine langfristige Partnerschaft mit Bestand.
Dabei begleite ich nicht nur die Zahlen- und Strukturseite, sondern vor allem die menschliche Seite: Wie wollen die Beteiligten arbeiten? Welche Rolle übernimmt der Unternehmer weiter? Wie fühlen sich Mitarbeitende in der Übergabe? Welche Vision hat der Investor? Kurz gesagt: Meine Rolle ist es, Lösungen zu finden, die ganzheitlich funktionieren: wirtschaftlich, menschlich und nachhaltig. Und genau dafür steht auch der Name meiner Firma „findSolutions AG“.
Dr. Yvonne Ventur: Inwiefern entscheidet Authentizität von Gründern und Investoren über den Erfolg einer Partnerschaft oder eines M&A-Prozesses? Wie erkennen Sie in Verhandlungen oder Due-Diligence-Prozessen, ob ein Partner authentisch und verlässlich agiert?
Andrea Schaller: Authentizität entscheidet mehr, als man auf den ersten Blick denkt. In M&A-Prozessen, gerade wenn es anspruchsvoll oder emotional wird, merkt man sehr schnell, ob jemand echt ist oder ob er eine Rolle spielt. Ein Deal steht und fällt damit, ob die Menschen dahinter ehrlich kommunizieren, ihre Motive klar benennen und auch Grenzen offen ansprechen.
Ich achte in Verhandlungen und Due-Diligence-Prozessen weniger auf perfekte Präsentationen, sondern auf das, was zwischen den Zeilen passiert: Stimmt das Gesagte mit dem gelebten Verhalten überein? Werden unangenehme Punkte offen angesprochen? Wie reagiert jemand, wenn es schwierig wird oder wenn eine Information nicht ideal ausfällt? Authentizität zeigt sich für mich an Konsistenz. Menschen, die transparent, klar und berechenbar agieren, sind langfristig verlässliche Partner mit einem stabilen Fundament.
Welche Rolle spielt Authentizität in Ihrer Kommunikation mit Unternehmen und Führungskräften, im Recruiting und in der Organisationsberatung?
Dr. Yvonne Ventur: Authentizität ist in meiner Kommunikation mit Unternehmen und Führungskräften zentral. Nur wer offen, ehrlich und klar kommuniziert, kann Vertrauen aufbauen und echte Beziehungen gestalten - sei es im Recruiting oder in der Organisationsberatung. Vertrauen öffnet den Dialog und sorgt dafür, dass Gespräche ehrlich, konstruktiv und lösungsorientiert verlaufen.
Wer authentisch auftritt, erhält ehrliche Einblicke von Unternehmen und Kandidaten und kann darauf basierend passgenaue Lösungen entwickeln. Für Kandidaten und Führungskräfte bedeutet das, dass sie spüren, ihre Anliegen werden ernst genommen und ihre individuellen Stärken und Werte berücksichtigt. In der Organisationsberatung ermöglicht authentische Kommunikation, Themen transparent anzusprechen, konstruktives Feedback zu geben und nachhaltige Lösungen zu erarbeiten.
Authentizität lässt sich nicht inszenieren - sie zeigt sich in gelebten Werten, Transparenz, Verantwortungsbewusstsein und Respekt gegenüber allen Beteiligten. Führungskräfte können sie aktiv fördern, indem sie ihre Werte konsequent leben, offen kommunizieren, auch schwierige Themen ansprechen und Entscheidungen nachvollziehbar machen. Letztlich sorgt Authentizität dafür, dass Vertrauen entsteht, auf dem langfristige Bindung und erfolgreiche Zusammenarbeit aufbauen.
Yvonne Ventur: Wie beeinflusst der menschliche Faktor den Verlauf von M&A-Prozessen, insbesondere bei distressed M&A?
Andrea Schaller: Der menschliche Faktor entscheidet im distressed M&A sehr maßgeblich und mehr als jede Excel-Tabelle. Wenn ein Unternehmen in der Krise ist, liegen die Nerven blank; bei Eigentümern, Mitarbeitenden, Banken, Investoren. Da hilft kein Hochglanz-PowerPoint. Da hilft nur, die Menschen zu verstehen, die gerade unter Druck stehen, Angst haben oder etwas verlieren könnten, das sie über Jahre aufgebaut haben.
Distressed M&A ist Realität pur. Wenn man die menschliche Dynamik ignoriert, kippt jeder noch so gut vorbereitete Prozess. Was wirklich bewegt, sind Vertrauen, Klarheit und echte Gespräche und nicht die perfekte Folie.
Was ich persönlich gelernt habe: In der Krise hört man alles zwischen den Zeilen. Wer dann sauber kommuniziert, Haltung zeigt und die Menschen hinter den Positionen erkennt, bringt Deals über die Ziellinie, die auf dem Papier eigentlich schon tot waren. Es sind nicht die Zahlen, die retten, es sind die Menschen, die Verantwortung übernehmen und Lösungen möglich machen.
Dr. Yvonne Ventur: In welcher Weise kann das Verständnis für die persönliche Geschichte und Motivation eines Investors oder Gründers entscheidend für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sein?
Andrea Schaller: Ich glaube, wir unterschätzen oft, wie viel die persönliche Geschichte eines Investors oder Gründers mit den Entscheidungen zu tun hat, die sie treffen. Kapital ist nie neutral. Hinter jedem Investment steht ein Mensch mit Erfahrungen, Erfolgen, Niederlagen, blinden Flecken, Werten und ganz eigenen Motiven.
Wenn ich diese Geschichte nicht verstehe, dann sehe ich vielleicht das Kapital aber ich verstehe nicht die Energie dahinter. Manche Investoren wollen gestalten, manche wollen bewahren, manche wollen heilen, manche suchen Wachstum, manche Stabilität. Und Gründer sind genauso verschieden: Für die einen ist ein Exit eine Befreiung, für die anderen fühlt er sich an wie ein Kontrollverlust oder ein Stück Identität, das sie abgeben.
Wenn man den emotionalen Kern dahinter erkennt, den „Warum-Moment“, wird Zusammenarbeit plötzlich viel einfacher. Dann weiß ich, wie jemand tickt, was ihm wichtig ist, wovor er Respekt hat, wo er flexibel ist und wo nicht. Und genau darauf kann man Partnerschaften bauen, die Bestand haben. Kurz gesagt: Wer die persönliche Geschichte versteht, erkennt den Menschen und wer den Menschen erkennt, findet Lösungen, die nicht nur vertraglich funktionieren, sondern auch menschlich tragen.
Frau Ventur, welche menschlichen Eigenschaften sind aus Ihrer Sicht für Führungskräfte heute unverzichtbar, um Teams zu motivieren und wie lässt sich der menschliche Faktor messbar in Unternehmenskultur und Mitarbeiterzufriedenheit integrieren?
Dr. Yvonne Ventur: Führungskräfte stehen heute mehr denn je vor der Aufgabe, nicht nur fachlich zu überzeugen, sondern vor allem den menschlichen Faktor in den Mittelpunkt zu stellen. Eigenschaften wie Empathie, aktives Zuhören, die Fähigkeit, individuelle Stärken zu erkennen, und Offenheit für Feedback sind entscheidend, um Teams nachhaltig zu motivieren und Orientierung in Zeiten des Wandels zu geben. Sie schaffen eine Atmosphäre, in der Mitarbeitende Sinn erfahren, eigenverantwortlich handeln und sich weiterentwickeln können.
Damit dieser menschliche Aspekt nicht abstrakt bleibt, sondern messbar in Unternehmenskultur und Mitarbeiterzufriedenheit integriert wird, bieten sich verschiedene Ansätze an: Feedbacksysteme, regelmäßige Mitarbeitergespräche und Kulturindikatoren ermöglichen es, Zufriedenheit, Engagement und Innovationskraft sichtbar zu machen. Auch harte Kennzahlen wie Fluktuationsraten oder Krankenstände liefern wertvolle Hinweise auf Bindung und Belastung im Team. Ergänzend zeigen 360°-Feedbacks sowie Kultur- und Werteanalysen, wie Führung tatsächlich erlebt wird und welche Verhaltensweisen prägend sind.
So wird deutlich, dass Menschlichkeit in der Führung nicht nur eine „weiche“ Dimension ist, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor, der Motivation, Innovationskraft und langfristigen Unternehmenserfolg maßgeblich beeinflusst.
Frau Schaller, wie vermittelt man Gründern, die Kapital benötigen, die Verantwortung und den emotionalen Wert, den Unternehmer-Investoren mitbringen?
Andrea Schaller: Indem man ehrlich erklärt, dass Kapital nicht einfach „Geld auf dem Tisch“ ist. Hinter Unternehmer-Investoren steckt meistens eine Lebensleistung: Jahre an Risiko, Aufbauarbeit, Niederlagen, Mut, Entscheidungen, die wehgetan haben und welche, die alles verändert haben. Das spüren Gründer oft erst, wenn man es konkret macht: Ein Investor bringt nicht nur Kapital, sondern Haltung, Erwartung, Verantwortung und eine ganz eigene Geschichte mit. Wenn ich Gründern das vermittle, geht es nicht darum, sie zu belehren, sondern ihnen bewusst zu machen: Wer sein Unternehmen öffnet, holt einen Menschen hinein, keinen Geldschein.
Sobald Gründer das verstehen, verändert sich ihr Blick. Sie sehen den Investor als Partner nicht als Bank. Sie begreifen, warum Vertrauen, Transparenz und Respekt so wichtig sind. Und sie merken, dass ein gutes Investment nicht nur finanziell passen muss, sondern emotional und wertebasiert. Kurz gesagt: Ich vermittle nicht den Wert des Geldes, ich vermittle den Wert des Menschen, der dahintersteht.
Dr Yvonne Ventur: Welche Rolle spielen Vertrauen, Augenhöhe und Wertschätzung in Krisensituationen oder komplexen M&A-Deals, in denen jedes Verfahren einzigartig ist?
Andrea Schaller: In Krisensituationen und komplexen M&A-Deals sind Vertrauen, Augenhöhe und Wertschätzung nicht „nice to have“- sie sind das Einzige, was funktioniert. Wenn ein Prozess unter Druck steht, wenn Unsicherheit, Angst oder Zeitknappheit im Raum sind, hilft kein standardisiertes Vorgehen. Jeder Fall ist anders, jeder Mensch reagiert anders, jede Dynamik kann kippen. Dann zählt vor allem eines: Wie wir miteinander umgehen. Vertrauen sorgt dafür, dass Menschen auch unangenehme Wahrheiten aussprechen, ohne Angst vor Gesichtsverlust. Augenhöhe bedeutet, dass niemand versucht, Macht auszuspielen oder jemanden zu überrollen. Und Wertschätzung schafft den Raum, in dem auch schwierige Gespräche möglich sind, ohne dass das gesamte Klima bricht.
Ich erlebe es immer wieder: Wenn die Beziehungsebene sauber ist, kann man selbst sehr komplexe oder heikle Situationen lösen. Wenn sie fehlt, scheitert selbst der scheinbar einfachste Deal. Am Ende ist jede Transaktion einzigartig, weil Menschen einzigartig sind. Genau deshalb sind Vertrauen, Augenhöhe und Wertschätzung nicht die weiche Seite des Geschäfts, sondern der harte Kern, der alles zusammenhält.
Frau Ventur, in welcher Weise beeinflussen Vertrauen und Wertschätzung Ihre Arbeit als Recruiterin und Mentorin bei der Auswahl und Entwicklung von Talenten?
Dr. Yvonne Ventur: Vertrauen und Wertschätzung sind zentrale Grundlagen meiner Arbeit. Bereits im Recruiting Prozess ist es entscheidend, dass Kandidaten spüren, dass ihre Kompetenzen, Erfahrungen und Persönlichkeit ernst genommen werden. Nur so entsteht eine offene Kommunikation, in der individuelle Stärken sichtbar werden und eine passgenaue Auswahl möglich ist. Im Mentoring baut dieses Fundament von Vertrauen und Wertschätzung weiter auf - es ermöglicht mir, Talente gezielt zu fördern, Entwicklungsbereiche sensibel anzusprechen und sie dabei zu begleiten, ihr volles Potenzial zu entfalten. Gleichzeitig stärkt es die Bindung an die Organisation oder an den individuellen Karriereweg, weil sich Menschen unterstützt, respektiert und anerkannt fühlen. Kurz gesagt: Vertrauen und Wertschätzung sind keine optionalen Soft Skills, sondern entscheidende Hebel, um Talente erfolgreich zu gewinnen, zu entwickeln und langfristig zu begleiten.
Fazit: Wir beide erleben es immer wieder: Authentizität, Verantwortung und Vertrauen und besonders der menschliche Faktor sind zentrale Erfolgsfaktoren in allen Bereichen des Business: von Führung über Investitionen bis hin zu M&A. Der Fokus auf Menschen entscheidet über Motivation, nachhaltigen Erfolg und langfristige Partnerschaften.
09. Dezember 2025
Dr. Yvonne Ventur - Impacts4U / Andrea Schaller - findSolutions AG
